Gedankenexperiment & Differenz
Gut.
Wir bleiben radikal minimal.
Du fragst:
Würde die Natur da nicht auf eine ausgeglichene Bilanz achten?
Die entscheidende Gegenfrage lautet:
Welche Natur?
Wir haben bisher:
keine Energie
keine Erhaltungssätze
keine Dynamik
kein Maß
keine Werte
Nur:
P ≠ Nicht-P
Eine Bilanz braucht:
Ein Maß
Eine Vergleichsregel
Eine Symmetrie
Eine Art Buchhaltung
Aber in unserem Setup gibt es keine Zahlen, keine Mengen, kein „mehr“ oder „weniger“.
Es gibt nur Unterschied.
Ein Unterschied ist noch kein Überschuss.
Ausgleich impliziert:
zwei Pole
eine Differenz zwischen ihnen
eine Regel, die diese Differenz reduziert
Doch wir haben keine Regel eingeführt.
Die Natur, die wir kennen (Thermodynamik, Feldtheorien etc.), zeigt Ausgleichsprozesse, weil dort gilt:
Systeme entwickeln sich entlang vorhandener Freiheitsgrade.
Aber Freiheitsgrade existieren hier noch nicht.
Nur wenn wir stillschweigend annehmen:
Symmetrie ist bevorzugt.
Aber selbst das ist schon ein Gesetz.
Im reinen Minimalzustand gibt es keinen Wert von „besser“ oder „schlechter“, „symmetrisch“ oder „asymmetrisch“.
Es gibt nur:
Unterscheidung existiert.
Das ist weder Defizit noch Überschuss.
In der Physik entstehen Erhaltungssätze aus Symmetrien (Noether-Theorem).
Aber wir haben noch nicht einmal eine Symmetriegruppe.
Es gibt also nichts, was erhalten werden müsste.
Jetzt wird es interessant:
Sobald du fragst, ob eine Bilanz gewahrt wird, führst du implizit ein:
globales Ganzes
Vergleich über dieses Ganze
Identität dieses Ganzen über „etwas“
Und damit hast du bereits eine Proto-Struktur höherer Ordnung eingeführt.
Die Bilanz-Idee ist also nicht primär.
Sie ist schon ein Produkt von Struktur.
In diesem Stadium würde „die Natur“ sagen:
Es gibt nichts, das auszugleichen wäre.
Weil:
keine Größe definiert ist
kein Soll-Zustand existiert
kein Mechanismus existiert
Differenz ist hier neutral.
Es gibt eine andere Möglichkeit.
Wenn P als Unterschied existiert, dann existiert auch:
die Totalität {P, Nicht-P}
Und diese Totalität ist vollständig bestimmt.
In diesem Sinne ist die „Bilanz“ trivialerweise ausgeglichen:
Alles, was ist, ist genau das.
Es gibt keinen Außenstandpunkt.
Vielleicht ist das tiefere Prinzip nicht Ausgleich, sondern:
Vollständigkeit der Differenz.
Jetzt eine sehr feine Frage:
Meinst du mit „Bilanz“ eher
energetischen Ausgleich
logische Symmetrie
oder metaphysische Ganzheit?
Wir sollten das präzisieren, sonst schmuggeln wir wieder versteckte Strukturen hinein.